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Peripheres und fokussiertes Wahrnehmen

Sinnespsychologen weisen für die menschliche Wahrnehmung auf den Dualismus von Figur und Grund hin. Die detail-orientierte, fokussierte Wahrnehmung filtert „Figuren“ aus dem zunächst unstrukturierten Wahrnehmungsfeld heraus. Diese „Figuren“ bilden den „Vordergrund“ des Wahrnehmungsfeldes; sie werden verstandesmäßig identifiziert und mit Bedeutung hinterlegt. Die Umgebung der Figur, ihr (Hinter-) Grund gelangt nicht in solch einer reflektierten Weise ins wache Bewusstsein. Er wirkt unterschwellig.

Die eher unterschwellig wirkenden Inhalte sind jedoch maßgeblich an der Wahrnehmung von Atmosphäre beteiligt. Sie sind „Stimmungsbildner“. Bei Farbe mobil Objekten spielt der Dualismus beider Wahrnehmungsformen eine  zentrale Rolle - oft in der Form, dass kleinere gegenständliche Motive in großflächige Farbklänge eingebunden werden.

Die Kombination von gegenständlicher Malerei mit vielschichtigen, nuancenreichen Lasurtafeln ...

Die Kombination von gegenständlicher Malerei mit vielschichtigen, nuancenreichen Lasurtafeln ...

... respektiert das Bedürfnis nach gegenständlicher Darstellung und konkreten Inhalten und setzt es in eine Balance zur Stimmungswirkung „schwebender“ Farbflächen.

... respektiert das Bedürfnis nach gegenständlicher Darstellung und konkreten Inhalten und setzt es in eine Balance zur Stimmungswirkung „schwebender“ Farbflächen.

Beispiel Baumserie

Eins der beliebtesten Motive ist die „Baumserie“. Das im impressionistischen Stil gemalte Parkbild kann für sich allein betrachtet werden, hat dann aber keine nennenswerte Bedeutung für die Stimmung des Gesamtraums. Auf der anderen Seite machen rote und grüne Farbtafeln, isoliert im Raum aufgehängt, einen gestalterisch unmotivierten erklärungsbedürftigen Eindruck. Warum hängt man farbige Leinwände auf, die keine „Bedeutung“ haben?
Erst in der Kombination beider Darstellungsweisen entsteht ein Ganzes: Das Parkmotiv ist atmosphärisch eingebunden, und die Farbtafeln erhalten durch die gegenständliche Malerei eine Art Rechtfertigung ihres Daseins. Beide Darstellungsformen, die konkrete und die unbezogene, haben einen ähnlichen Gehalt, adressieren ihn aber an zwei unterschiedliche Wahrnehmungskanäle.

Im Idealfall übermitteln die reflektierte Botschaft des Bildmotivs und die stimmungshafte Botschaft des Farbklangs dieselbe Empfindung. Die großen Farbflächen sind nötig, um eine Gegenwirkung zum Weiß der Wände zu entfalten und die Lichtstimmung des Raums entsprechend zu verändern. Das Bildmotiv ist nötig, um der Aufmerksamkeit einen zentralen Inhalt anzubieten, der einfach verstanden werden kann. So wird Bewusstsein auf einer „Figur“ fokussiert, und der „Grund“ (die Farbtafeln) verbleiben im Atmosphärischen.
Würde man fragend auf im Raum verteilte Farbflächen blicken und in ihnen eine Bedeutung suchen, wäre ihre atmosphärische Wirkung wesentlich geringer. Die Farbtafeln entziehen sich einer gegenständlichen Interpretation umso stärker, je unfasslicher und schwebender ihre Farbigkeit wirkt. Darum werden sie in lasierender Malweise erstellt. Dabei schimmert der helle Malgrund durch zahlreiche halbtransparente Farbschichten hindurch. Dieses Tiefenlicht verleiht den Farben eine schwebende Leichte, räumliche Tiefe und nuancenreiche Lebendigkeit.