Einseitigkeit macht krank.
Der Grund, warum man Weiß eine ungesunde Farbe nennen kann, liegt in seiner unkontrolliert-übermäßigen, nicht mehr bewußt gestalteten Verwendung. Auch Rot, Blau oder Gelb können, wenn sie massiv und ungegliedert auftreten, krank machen. Worin besteht die negative Wirkung rein weißer Innenräume?
1. Unterforderung (Monotonie)
Monotone Umgebungen unterfordern die sinnliche Wahrnehmung. Wo es keine Unterschiede, kein Wechselspiel der Elemente gibt, ermüdet die Aufmerksamkeit. Das Auge braucht Abwechslung, um sich während des Schauen gleichzeitig regenerieren zu können! – Ausgleich können farbige Bilder schaffen, wenn sie die entsprechende Größe haben und in der richtigen Anzahl aufgehängt werden, und wenn ihre Farbigkeit den Betrachter einlädt, mit Interesse darauf zu schauen.
2. Überforderung
Gleichzeitig stellen rein weiße, strahlend helle Umgebungen eine permanente Überforderung dar (man denke an die Schneebrille!). Die Pupille verengt sich, die Sensibilität für feine Abstufungen geht verloren. Farben in einer hell weißen Umgebung erscheinen stumpf und weniger vital als vor dunklerem Hintergrund. Wer sich in einem weißen Raum, unmittelbar danach in einem grauen Raum aufhält, merkt deutlich, dass die Farben der Einrichtungsgegenstände im grauen Raum lebhafter und ausdrucksstärker wirken als im weißen.
3. Nachbilder führen zur Vergrauung
Weiße Wände erzeugen physiologisch ein graues Nachbild. Wer Räume mit weißer Farbe rollt, und dabei sehr genau auf die Oberfläche blickt, dem tanzen graue Flecken vor den Augen! Die Nachbilder sind um so stärker, je weniger Möglichkeit man hat, sie durch das Blicken auf andersfarbige Flächen auszugleichen und abzubauen. Das Ausgleichen von Nachbildern gehört zu den wichtigen – wenn auch nicht immer bewusst wahrgenommenen – Aufgaben kontrastierender Farbflächen.
4. Weiß ist absolut (lädt nicht zum Dialog ein)
Weiß ist psychologisch gesehen außerordentlich einseitig: Es lädt nicht zum Dialog ein, wie es die anderen Farben tun. Man steht dem Weiß gegenüber, aber fühlt sich emotional nicht „hingezogen.“ Wie soll man sich mit einem weißen Raum identifizieren? Welche Stimmungen ruft er hervor? Immer nur diese: Sachlich, zurückgenommen, diskret, unnahbar, kühl. Ist Farbe im Spiel, fühlt man sich sofort im Gefühl angesprochen. Was natürlich nicht ausschließt, dass man sich auch bedrängt fühlen kann, wenn die Farbe stört oder unangemessen heftig auftritt.
5. Isolation statt Gemeinschaft
Es ist schwierig, stimmungsvolle Interieurs zu schaffen, wenn die Wände alle weiß sind. Denn durch das Weiß werden die Einrichtungselemente des Raums voneinander isoliert; sie stehen als getrennte Gegenstände nebeneinander. Mit Farbe kann ein Bezug zwischen den Dingen hergestellt werden – sei es, indem man die Wände farbig streicht, oder sei es durch Installation großer Farbtafeln, die zwischen den Einrichtungsgegenständen vermitteln und sie zu Ensembles zusammen fassen.



