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Architekturfarben

- den Raum gestalten, nicht nur die Fassade
- in welcher Farb-Atmosphäre wollen wir leben?


Texte und Bilder aus dem Wettbewerbsbeitrag von Jürgen Opitz

Bild 1: Farbe bekennen


Politik muss Farbe bekennen: Farbe ist kein Symbol. Farbe ist lebendig, kosmisch, menschlich. Politik ist das Miteinander, Nebeneinander, Gegeneinander der menschlichen Visionen, Leidenschaften, Temperamente. „Die Roten, die Grünen, die Schwarzen, die Gelben...“

Bild 2: Grau

Eine graue Masse? Staat ist das Tun einer Vielzahl höchst unterschiedlicher Individuen, ineinander verwoben, kontrastierend, (un-) abhängig, in Beziehung stehend, frei, einmalig, farbig, lebendig. „Grau ist der kleinste gemeinsame Nenner, die Auflösung der Individualität, das Grauen.“

Bild 3: Kunst der Fuge


Die Kunst der Fuge Der einzelne Ton erhält erst Sinn durch den Bezug auf die Mitspieler, auf den Kontrapunkt. Simultanität und Kontrast, Annäherung und Widerstreit, Spiel der Kräfte, ineinandergreifend in ständigem Wechsel.

4 Strukturebenen: - kammartig verzahnte Streifen von Verläufen, an- und abschwellend - Überlagerung durch Transparenzfarbe - variierte Spiegelung im Block - Bezüge über alle 5 Blöcke hinweg

Bild 4: Werkstatt Staat
Werkstatt Staat: offen nach allen Seiten für alle Einflüsse für Veränderungen für das Einzigartige für alle.


Bild 5: Emotion und Farbe
Emotion und Farbe sind Schwestern Wie leben wir unsere Gefühle? Wie gestalten wir unseren Staat? Wie zeigen wir uns?

Ergänzend zu den Texten möchte ich noch einige Hinweise geben: Die senkrechten Streifen sollen jeweils die Länge einer waagerechten, weiterhin sichtbaren Betonfuge haben. Diese werden um den halben Längenbetrag versetzt. (...) Angedacht ist Betonlasurfarbe, recht satt, dennoch etwas transparent. Die Materialtextur bleibt also erhalten. Der einzelne Farbton ist hier nicht wörtlich aufzufassen, auch die Struktur der Farbzusammenhänge in der 4. Ebene, der Ebene der Blöcke, lässt sich weiter ausarbeiten. Die Erwähnung der „Kunst der Fuge“ bezieht sich auf die kompositorische Dichte und die komplexen Beziehungen der Elemente untereinander, in verschiedenen Maßstäben, Strukturebenen und Rhythmen, analog zum großartigen Werk von J.S.Bach. Bewusst wurde eine motivische Zentrierung oder pathetische Achsensymmetrie ausgeschlossen, weil sich darin ein unerwünschtes Staatsverständnis ausdrücken würde. Vielmehr soll es sich um ein „geordnetes Gewimmel“ von Einzelheiten handeln.

Begründung der Preiswürdigkeit (Jury)

Während die Entwürfe zur Pinakothek der Moderne die Intention des Architekten aufgreifen und interpretieren oder farbig „zu Ende führen“, so ist ein solches Unterfangen am Paul-Löbe-Haus zum Scheitern verurteilt. Denn die allseits gerühmte „Leichtigkeit“, Offenheit“ und „Transparenz“ des Abgeordnetenhauses ist für den, der davor oder darinnen steht, nicht nachzuvollziehen! Hier muss der Farbgestalter deutlich über die Architektur hinausgehen, und das nachholen, was der Architekt versäumt hat. Mehr noch: Die Ignoranz, die Dialogfeindlichkeit, mit der sich das Löbe-Haus durch seine monumentale Wandscheibe vom Bundestag abgrenzt, muss aufgelöst werden!

Im Entwurf von Jürgen Opitz ist das auf eine mutige, souveräne Weise gelungen. Der Entwurf ist ein Bild der Lebendigkeit, der Vielfalt, des Dialogs, des Offenen, Sich-Bewegenden. Das Abweisende des Paul-Löbe-Hauses ist einer beschwingten Musik gewichen. In seinen Texten formuliert Opitz ein freiheitliches, kreatives Politikverständnis, um es 1:1 in Farbgestaltung zu übersetzen. Zum Wesen der Demokratie gehört, die vielfachen Haltungen und Überzeugungen der Bürger zuzulassen: dies kann die reichhaltige Farbgestaltung spiegeln und erlebbar machen.

Die farbige Botschaft ist mitreißend und hebt das Gebäude auf eine neue Ebene des Ausdrucks. Damit wird der gesamten Umgebung ein neuer Impuls gegeben. Eine gewisse Grellheit entsteht durch die Fotomontage – es ist zu anzunehmen, dass eine Umsetzung am Objekt nicht so grell wirkt. Die Visualisierung mag etwas übertreiben, um die gewünschte Anmutung zu übermitteln. Bei der gewaltigen Wandscheibe gegenüber dem Reichstagsgebäude mit der „nach allen Seiten offenen“ Deutschlandflagge könnte die Wirkung eines Abziehbildes entstehen – aber auch das kann letztlich nur ein Originalmuster am Objekt zeigen. Erfreulich: Der Herrschafts-Attitüde des historischen Baus wird ein frischer, offener Gruß entgegengesetzt.