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Architekturfarben

- den Raum gestalten, nicht nur die Fassade
- in welcher Farb-Atmosphäre wollen wir leben?


Farbgestaltung und Atmosphäre

Text: Martin Benad
Fotos: Martin Benad, Friedrich Ernst v.Garnier
Bildbearbeitung: Kerstin Polte

Fragen Sie doch einfach mal in Ihrer Bekanntschaft herum, ob jemand weiß, was Atmosphäre ist. Sicherlich, irgendwie weiß jeder, worum es geht. Aber eine Definition? Vielleicht aus der Physik: „Die gasförmige Hülle oberhalb der Erdoberfläche, mit einem Luftdruck von 1013,25 Millibar...“ Aber was hat Fabgestaltung mit Luftdruck zu tun?

Atmosphäre, das unbekannte Wesen

Das Wort Atmosphäre stammt aus dem Griechischen: atmós bedeutet „Luft, Druck, Dampf“ und sfära ist die „Kugel“. Also einfach die zwei Worte zusammenbauen, und fertig ist die Dampfkugel! Oder ist doch eher der Dunstkreis gemeint?

Wenn man unter Atmosphäre nicht nur die physikalische Gashülle eines Planeten versteht, kommt man ihrem Wesen mit dem Wort „Dunst“ schon sehr nah. Dunst liegt über und zwischen den Dingen, ist als Trübung sogar sichtbar. Aber greifen, festhalten kann man ihn nicht. Atmosphäre ist, wie der Dunst, nichts Gegenständliches, aber sie gehört trotzdem der Gegenstandswelt an. Atmosphäre erfüllt einen Raum und lässt sich als Stimmung, als Gestimmtsein, wahrnehmen. Sie ist ein spürbares Fluidum, in das Personen, Dinge und Handlungen eingebettet sind, oder das von Personen und Dingen ausgeht und sie umgibt. Aber welcher Natur ist sie?

Gernot Böhme macht auf den eigenartigen Charakter von Atmosphären in seinem Buch „Architektur und Atmosphäre“ aufmerksam. Er stellt dar, dass mit den Atmosphären gleichzeitig Gefühlsqualitäten „draußen“, an der Umgebung, an den Dingen erfahren werden: die heitere Landschaft, die gedrückte Stimmung im Raum, die gemütliche Atmosphäre eines Zimmers, der erhebende Anblick eines Berges. Man kann nicht abstreiten, dass Atmosphären da sind, und dass sie nicht von der eigenen inneren Stimmung ausgehen. Denn man kann, „selbst in einer ganz anderen Stimmung befangen, durch die Atmosphäre, in die man gerät, betroffen und umgestimmt werden.“ Warum man sich nach Böhme mit Atmosphären auch wissenschaftlich beschäftigen sollte ist die Tatsache, dass sie als „ergreifende Gefühlsmächte“ eine Bedeutung haben, die das Subjekt übersteigt – und gerade diese Bedeutung ist weitgehend unbekannt und wird verleugnet.

1 November-Stimmung im Pariser Stadtteil La Defense.
2 Das Bild vermittelt einen Eindruck der atmosphärischen Veränderung, die duch Farbgestaltung herbeigeführt werden kann.

„Gestimmte Räume“

Alles, was Menschen bauen, hat eine Atmosphäre. Bevor ein Bauwerk errichtet wird, lässt sich bereits eine Atmosphäre an dem betreffenden Ort spüren, mit dem neu errichteten Bauwerk wird sie verändert. Aber wer fragt sich da schon: In welchen Räumen möchten wir leben? In welchen Stimmungen unsere Arbeit und  unsere Freizeit verbringen? Welche Atmosphären wünschen wir unseren Kindern, Nachbarn, Mitmenschen? – Diese Fragen werden erst ganz zaghaft gestellt, und dann meistens im sozialen Bereich: beim Bau von Krankenhäusern und Kindergärten, Kirchen, Schulen, Altenheimen. Kommerziell arbeitende Unternehmen hatten das Thema allerdings schon früher entdeckt und schufen stimmungsvolle Erlebniswelten zum Einkaufen, Erlebnis-Atmosphären zum Entspannen, zum Ausgehen.

Diese wirtschaftlich motivierten Stimmungswelten betreffen allerdings nur ausgesonderte Zeitintervalle des Lebens, sozusagen die Luxus-Seiten. Jetzt wird es Zeit, dass wir uns um die Atmosphären kümmern, die unser tägliches Leben wie ein Hintergrundrauschen begleiten und durchdringen: Die Atmosphären unserer Städte, Dörfer, Landschaften. Der Farbgestalter Friedrich Ernst v.Garnier nennt das, was wir bauen, die „Kulissen unseres Lebens“. Und er weiß aus 40 Jahren Berufserfahrung, dass Farbe ein gewaltiges Werkzeug ist, um Atmosphären zu gestalten.

3 Eine Aufnahme desselben Motivs aus dem Juni...
4 ... und die Visualisierung der veränderten Raumstimmung

Organische Farbigkeit

Friedrich Ernst v.Garnier (www.studiovongarnier.de) prägte für seine Tätigkeit den Ausdruck „organische Farbgestaltung“. Das hat weder speziell etwas mit organischen Pigmenten noch mit organischen Formen zu tun. Organisch im Sinne v.Garniers meint, dass die Farbgestaltung auf vertrauten Farb- und Lichtstimmungen basiert und eine Atmosphäre vermittelt, die als natürlich empfunden wird. Es wird mit einer Naturgesetzlichkeit der Farbordnungen und Stimmungen gearbeitet, ohne Natur direkt zu kopieren. Organische Farbgestaltung beseelt die Räume, aus denen Natur verdrängt wurde, durch eine Atmosphäre tragende klanghafte Farbigkeit. Ihr Ziel ist nicht, Natur wiederherzustellen, sondern dem Raum seelische Qualitäten zu geben, ohne die der Mensch auf Dauer nicht lebensfähig ist, und die allein aus der Intellektualität gebauter Zwecklandschaften nicht bezogen werden können.

Was mit der „Intellektualität gebauter Zwecklandschaften“ gemeint ist, wird schnell klar beim Betrachten der Bilder 1 und 3, die dasselbe Motiv im Pariser Stadtteils La Defense zu verschiedenen Jahreszeiten zeigen. Die Bauwerke strahlen atmosphärisch nichts aus, was einen Menschen aufbauen, ermuntern, erheitern könnte, was ihm Vertrautheit, Heimatgefühl und emotionale Wärme vermittelt. Vor allem an witterungsbedingt trüben Tagen wie in Bild 1 (und die sind in der Mehrzahl) dürfte sich die Wirkung sogar ins Gegenteil verkehren. Doch Vorsicht: Solche Behauptungen sind gewagt. Denn Atmosphäre lässt sich nicht fotografieren, und man kann beim Betrachten eines Fotos nur Rückschlüsse ziehen auf die Atmosphäre, die am tatsächlichen Ort vermutlich anzutreffen ist. Darum ist das Foto als ein Hinweis auf eigene Erfahrungen zu verstehen. Die Bilder 2 und 4 (von der Design-Studentin Kerstin Polte während eines Praktikums im Studio von Garnier angefertigt) weisen entsprechend auf die gewaltigen Möglichkeiten organischer Farbgestaltung hin. Hier hat sich weder ein Künstler farbig ausgetobt noch wollte ein Bauherr sich selbst darstellen. Es wurde nichts dekoriert, verschleiert oder weg gestrichen. Es geht weder um Wohlfühlplätze noch farbdramatische Inszenierungen, weder um Verkaufsanreize noch Werbemaßnahmen. Auch nicht darum, formale Defizite einer wenig attraktiven Fassade zu beschönigen oder mit Farbe zu kompensieren.

Dem Entwurf liegt die Überlegung zugrunde, dass Farbgestaltung vor allen anderen Sonderzwecken und künstlerischen Allüren zunächst eine einzige Aufgabe hat: Dörfer, Plätze, Straßen mit einem Leben zu erfüllen, das aus der Form von Bauwerken und der Zweckmäßigkeit ihrer Nutzung allein nicht erwächst. Farbgestaltung bestimmt zwar die Erscheinung eines Bauwerks, dessen Wände sie als Reflektoren nutzt (und darum nimmt sie Bezug auf bauliche Vorgaben wie Form, Proportion, Material), viel mehr aber charakterisiert sie den Raum zwischen den Wänden, in denen Menschen leben, und den sie atmosphärisch prägt.