Texte und Bilder aus dem Wettbewerbsbeitrag von Silvia Sattller
Bild 1: Grundriss-Umsetzung
Aufgabe der Farbgestaltung, außen
Die architektonische Komposition des Gebäudes, die Vereinigung von vier selbständigen Ausstellungsbereichen unter einem Dach mit einer gemeinsamen Erschließungsachse und einem „Hofzentrum“ der Rotunde, soll farblich unterstützt werden. Die Gebäudeidee ist in ihrer Klarheit und Reduziertheit ersichtlich, nimmt aber in ihrer äußeren Gestalt und glatten (unnahbaren) Oberfläche keinen Bezug zur komplexen sinnlichen Wahrnehmung des Besuchers auf. Um der Kostbarkeit des Ausgestellten und den Erwartungen der Besucher auf sinnliche Wahrnehmung und moralische Anregung beim Besuch der Pinakothek der Moderne Rechnung zu tragen, soll die Außenhülle durch Farbe in ihrer Funktionsgliederung unterstützt und gleichzeitig ihr ein eigener Ausdruck verliehen werden (...)
Idee
Dem Tageslauf der Sonne folgend kann sich die gewählte Farbstimmung rund um das Gebäude entwickeln und entspricht somit auch der natürlichen Lichtstimmung der Gebäudeseite. Dieser variierenden und vertrauten Farbentwicklung folgend wird dem Betrachter räumliche Orientierung durch unterschiedliche Farbstimmung vermittelt. Vom Inneren, kraftvollen Zentrum aus führen zwei “Leitstrahlen” nach außen und holen den Besucher begleitend in das kostbare Innere herein.
Umsetzung
Der alten Pinakothek, in repräsentativer, fester gelb-rötlicher Materialfarbstimmung, soll die Pinakothek der Moderne in ihrer kühlen Großform aus monolithischem Beton als Farb- und Oberflächengestaltungskontrast gegenüber stehen. Die bewusst gewählte vom natürlichen Material unabhängige Farbe Blau, die dem verwendeten Beton jedoch am verwandtesten ist, soll am Gebäude außen vorherrschend sein. Das gewählte Blau der Außenfassaden soll sich der Farbidee folgend dem Tageslauf anpassen und den Besucher um das Gebäude mit unterschiedlichen Stimmungen begleiten und führen. So fügt sich der massige Baukörper in variierenden Blaufarbtönen in das begrünte Umfeld.
Bild 2: Südost-Ansicht
Umsetzung
Die Gebäudeaußenhaut mit den ablesbaren, durch senkrechte Glasfugen getrennten Baukörpern, die sich in unterschiedlicher Größe und Reihung unter dem übergreifenden Dach anordnen, wird durch Blaufarbtonabstufungen differenziert. Die Farbtonnuancen des Blaus steigern sich der Lichtqualität des Tageslaufs entsprechend:
- vom schattigen Norden – Grau-Blau,
- über den kühlen lichten Osten – Grün-Blau
- und den strahlenden Süden –Rot-Blau
- zum warmen Westen – Violett-Blau.
So hat der Betrachter neben einer feinen Abwechslung in der Farbwahrnehmung auch Orientierung durch differenzierte Farbstimmung, die durch die Tageszeit (Lichtstimmung) noch unterstützt wird. Zur Belebung der sehr großen Wandflächen können die Schalungsflächen eines Baukörpers in der Intensität des Farbauftrags variiert werden. Es ist jedoch darauf zu achten, dass die Farbverwandtschaft je Baukörper die Fläche verbindet und zum nächsten Baukörper eine Farbreihe entsteht.
Bild 3: Nordansicht
Zu den Eingangsbereichen hinführend, sind an den direkt anschließenden Baukörpern die horizontalen, erhabenen Dreikantleistenausbildungen, wie auf den Farbwechsel hinführend im zur Fläche komplementären Gelbfarbton zu streichen. Dies erhöht die Spannung im Betrachter und führt ihn zum Eingangsbereich hin.
Die Eingangssituation definiert sich deutlich abgehoben vom Gesamtbaukörper durch ein einladendes festliches Gelb (anregende komplementäre Farbstimmung) an der diagonalen Erschließungswand. Sie geleitet den Besucher ins lichtdurchflutete Rotundenzentrum mit seinen aufstrebenden gelb-goldenen Stützen. Hier kann der Gelbfarbton in seiner Intensität und Farbigkeit vor einer unten bis ins Rot gesteigerten Wandfarbe stehen. Nach oben werden die Stützen ins lichte Gelb aufgehellt und leiten so das Licht zum Besucher nach unten.
Die Rotunde ist das warme kommunikative Zentrum, von hier aus geht jeder Besucher seinen eigenen Weg zu den unterschiedlichen Ausstellungsbereichen und kehrt hierher wieder zum Abschluss zurück. (...)
Ein weiteres auflockerndes und den Eingang betonendes architektonisches Element bilden die filigranen, zerbrechlichen Rundstützen, die fast vom Gebäudesockel herabtänzeln. Sie tragen das alles überdeckende leichte Flachdach, dass im Farbton zurückhaltend leicht blau gefärbt sein kann und sich von den Kuben durch eine gelbe oder hell-graue (Beton naturbelassen) Fuge abhebt.
Die Randstützen verbinden in ihrer Blaufärbung die flächenmäßige Farb-Blau-Pause des Eingangsbereichs und stehen deutlich abgesetzt vor der gelben Eingangswand. Die zurückgesetzten gelben Stützen sind mit dem etwas herabgezogenen, deutlicher blauen
Eingangsvordach verbunden, und tanzen in der vordersten blauen Dreierstützengruppe zur Gebäudeecke hin überraschend mit.
Bild 4: Südwest Ansicht
Farbauftragstechnik
Umdie Farbe mit den Lichtverhältnissen spielen zu lassen und feine farbliche Übergänge in der sich steigernden Farbreihe und flächigen Differenzierung zu erreichen, soll die Farbgestaltung mit mineralischen, polychromen Lasuren ausgeführt werden. Der Baukörper soll nicht pastös angemalt und einen eigenständigen Farbüberzug erhalten, sondern der Untergrund kann in seiner Eigenheit noch durchscheinen, ist aber durch den zarten Farbauftrag veredelt und wird stimmungsvoller Ausdruck.
Der Farbauftrag der Lasur variiert in seiner Intensität und ermöglicht so demBetrachter ein belebtes mehrdimensionales Sehen, das das Auge selbst in Tätigkeit versetzt. Für die lichten Gelbfarbtöne sollte der graue Untergrund, wie bereits zum Teil zur Farbtonegalisierung erfolgt, durch eine leichte weiße Lasur aufgehellt werden, so kann das Licht durch die Pigmente an der hellen Wand reflektieren und austretend wieder die Pigmente hinterleuchten, was die Farbtöne sehr viel strahlender und leichter macht.
Begründung der Preiswürdigkeit (Jury)
Der Vorschlag zeigt in seiner fein abgestuften, sensiblen Handschrift mit Nachdruck, was der Pinakothek der Moderne fehlt: eine sympathische, den Menschen ansprechende und einladende Geste; aber auch eine Bezugnahme auf die räumliche Umgebung, in der das Gebäude sich befindet. Ob die blaue, zuweilen ins Violett spielende und dann aufgesetzt wirkende Farbigkeit dem Bauwerk und seiner Funktion angemessen ist, wird teilweise bezweifelt, wobei hier Probleme der Darstellung (Farbtreue des Entwurfs) eine Rolle spielen können. Als eingefärbtes Betonmaterial - was nach Baufertigstellung nicht mehr möglich ist - würde die dargestellte Farbigkeit in jedem Fall überzeugen können. Die Vorgabe einer „zarten Lasur“ wird dem Baumaterial in seiner monumentalen Flächigkeit nicht gerecht. Warum sollte eine Lasur nicht auch „verschmutzt und ruppig“ aufgebracht werden? Die Pinakothek der Moderne ist kein zarter Bau.
Die Gliederung in Innen und Außen wird von der Farbigkeit sinnvoll mitvollzogen: Sie berücksichtigt präzise die bauliche Struktur des Komplexes. (Die Vorschläge zur Farbgestaltung der Rotunde werden auf der Webseite nicht vorgestellt, da sie nicht Teil der Aufgabenstellung waren und nicht in die Bewertung eingehen.)
Möglicherweise würde der Architekt diesem Entwurf vorwerfen, er würde sein Gebäude „verniedlichen“. Wenn der Anspruch auf die nackte, brutale Präsenz legitim ist, mit der die Pinakothek der Moderne in ihrer äußeren Erscheinung wie ein Kunstbunker alles ignoriert, was um sie herum historisch und menschlich lebt, dann ist der Vorwurf der Verniedlichung berechtigt. Andernfalls ist er das Eingeständnis, dass in der Brutalisierung des Stadtbildes weder eine Hilfe für den Menschen noch eine Aufgabe für die Kunst gesehen werden kann. Die Entwürfe von Frau Sattler brechen die Brutalität, indem sie menschliche Anteilnahme möglich machen, ohne dass sich das Bauwerk dabei selbst fremd wird.



