Texte und Bilder aus dem Wettbewerbsbeitrag von Christian Reichelt
Bild 1: Betonscheiben
Der zweigeteilte Abgeordnetenbau ist nach seiner Lage, Größe und Erscheinung ein sehr repräsentatives Gebäude. Das darf er auch sein, es arbeiten schließlich unsere Repräsentanten darin. Wie eine eigenständige Siedlung ist er selbstbezüglich und geschlossen organisiert: Entlang einer halböffentlichen, überdachten “Straße” im Innern sind die Bauriegel mit den Abgeordnetenbüros aufgereiht. Alle Teile werden durch die gelenkartig eingesetzten runden Baukörper verknüpft, die Konferenzräume und andere verbindende Funktionen enthalten.
Der gesamte Bau wird von einer über den Freiräumen ausgeschnittenen Platte abgedeckt. Über der “Straße” und den Fluren der Büroriegel sind Roste in die Platte eingelegt, durch die das Innere des Gebäudes belichtet wird.
Nach Norden und Süden grenzt sich der Bau in der Art einer Stadtmauer mit Toren ab. Die Treppenhäuser an den Außenseiten der Büroriegel bilden zusammen mit der langen Scheibe, die zum Spreeufer weist, eine doppelwandige unterbrochene Mauer.
Mit dieser Schicht habe ich mich im vorliegenden Entwurf vorrangig beschäftigt, da ich sie für die problematischste halte. Im Gegensatz zu den anderen Teilen des Gebäudes lässt sie nur wenig Rückschlüsse auf das Innere und die differenzierte Struktur des Bauwerks zu. Außer den Belichtungsfugen gibt es keine Öffnungen. Hier zeigt der Bau dem Betrachter die Stirn(-wand)!
Als Gliederungsangebote liefern die Betonscheiben nur die Schalungsfugen. An ihnen lassen sich die Geschosshöhen ablesen. Der Abdruck der Schalungen und die Rödellöcher zeigen den Herstellungsprozess. Diese Spuren müssen erhalten bleiben, um die Materialität nicht zu verleugnen.
Bild 2: Perspektivische Darstellung
Baugeschichtlich ist das Paul-Loebe-Haus nicht in Berlin zu verankern. Es ist wie viele andere Bauten der letzten 15 Jahre gleich einem UFO im Stadtzentrum gelandet. All diese Bauten lassen sich wohl aufeinander beziehen, nicht jedoch auf die historische Bausubstanz.
Hier herrschen eindeutig Steinbauten vor (”Das steinerne Berlin”) in klassizistischem und historistischen Stil vor. Diese prägen mit ihren Farben von Sandstein und Granit meine Vorstellung repräsentativer Gebäude in Berlin.
Die jetzige Farbigkeit des Abgeordnetenhauses reicht, je nach Lichtsituation, von blendendem Weiß bis dunklem Grau. Die glatte Betonoberfläche glänzt in der Sonne fast und erscheint bei trübem Wetter sehr kalt und schmutzig.
In meiner Farb- und Texturwahl beziehe ich mich auf die traditionellen Baumaterialien. Der Beton fordert diese Farbigkeit zwar nicht aus sich selbst heraus, er lässt sie auf Grund seines mineralischen Charakters aber zu.
Die Darstellung zeigt eine mögliche Farbabfolge der senkrechten Scheiben und Pfeiler in stark verkürzter Ansicht. Die Perspektive verdeutlicht auch die durchgehende horizontale Schichtung.
Bild 3: Lasur-Ebenen
Insgesamt sollen meine Vorschläge die Flächen gliedern, mit einem Maßstab versehen und die Baumassen horizontal zusammenbinden. Die lasierende Farbigkeit soll das vom Bau und in den Bau reflektierte Licht wärmer einfärben und das Abgeordnetenhaus für Berlin passend einkleiden. Die vorgeschlagene Farbigkeit entsteht durch die Überlagerung dreier Lasuren.
- Die erste Schicht erzeugt eine mineralartige Textur.
- Die zweite Schicht bildet geschoßhohe horizontale Bänder. Die Bänder haben verschiedene Helligkeiten und weisen neutrale (warm/kalt) Farbtöne auf.
- Die dritte Schicht folgt den senkrechten Scheiben und Pfeilern.
Jeder der Bauteile hat dabei eine Leitfarbe, die in stärkerer Sättigung auch auf dem jeweiligen “Lichtgitter” auftaucht. Die Nordfassade erhält in dieser Schicht wärmere Tönungen als die Südseite. Insgesamt soll eine kristalline, mineralhafte Anmutung entstehen, ohne jedoch Stein durch Malerei zu imitieren. Durch die drei Lasurschichten reagiert die Oberfläche auf jede Lichtsituation verschieden. Die gerade vorherrschende Lichtfarbe erzeugt Resonanz in den von ihr angesprochenen Schichten.
Bild 5: Fensterrecht
Es ist die Hauptfunktion des Gebäudes, den Bundestagsabgeordneten eine Arbeitsstätte zu bieten. Kleinste Zellen dieser Aufgabe sind die einzelnen Abgeordnetenbüros. Deren tatsächlich zellenartige Aufreihung und Stapelung zeigt wohl den demokratischen Grundsatz von der Gleichwertigkeit, unterstellt aber auch Gleichartigkeit. Auf diesen Umstand zielt das von mir vorgeschlagene “Fensterrecht”. (...)
Die Abgeordneten üben das “Fensterrecht” nach F. Hundertwasser aus. Hundertwasser hatte das Recht zur Gestaltung des eigenen Fensterumfeldes für jeden Bewohner eines Gebäudes erklärt.
Dafür stehen hier gefärbte Glaselemente zur Verfügung. Der Abgeordnete kann dadurch die Lichtfarbe in seinem Büro bestimmen und sein Büro wird von außen erkennbar.

Begründung der Preiswürdigkeit (Jury)
Der Entwurf setzt sich nicht nur gestalterisch, sondern auch inhaltlich und maltechnisch kompetent und gründlich mit der gestellten Aufgabe auseinander.
Hier wir ein gangbarer Weg beschrieben, um zu einem menschlichen Maßstab zu finden und die – für ein demokratisches Politikverständnis wenig zuträgliche - Anmutung des Massensilos, der Legebatterie zu mildern.
Mit der Sandsteinanmutung wird ein Bezug zum Reichstag und zur Berliner Baugeschichte geschaffen, wie Christian Reichelt in seinen Ausführungen ausführlich aufzeigt. Die „feuchten Pilze“ in Bild 01 halten wir für ein Darstellungsproblem der Computer-Simulation; der Text spricht ja von einer „kristallinen“ Struktur.
Über die Berechtigung des Hundertwasser´schen Fensterrechts (das am Paul-Löbe-Haus in Form farbiger Applikationen auf den Scheiben umgesetzt werden soll) kann man sicherlich streiten; der Entwurf verdient unabhängig von diesem Aspekt durch seine sinnvolle Argumentation und deren konsequente Umsetzung in farbige Gestaltung eine Auszeichnung.




